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2. DGfB Kongress 2010 – "Da hol' ich mir Beratung"
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Abstracts der Workshops


Workshop 1

Dipl.-Psych. Gabriele Klaes-Rauch
„TV-Coaching – Zu Potential und Kehrseiten durch von Tele-Vision überdeterminierter Realität“

Kaum einer bahnbrechenden Erfindung gelingt es, nicht adaptiert zu werden und vor industrieller Fertigung, Kommerzialisierung, Vermassung und endlich Verbrauch bewahrt zu bleiben. Was Populärmusik und Technik aber sogar intendieren: entdeckt und damit Vorreiter einer Mode zu werden, sollte die seriöse Beratung jedoch aufmerken lassen: Ist sie unter Ausnutzung ihres etablierten Qualitätsbegriffs doch bereits Handelsware der Unterhaltungsindustrie!

Private Fernsehsender haben die wachsende Zahl der nur zuschauenden Menschen zu „ihren“ Zielzuschauern gemacht und geben vor, diese nicht nur zu unterhalten, sondern längst auch mit ausgezeichneter psycho-sozialer „Hilfestellung“ zu versorgen!

Im Zuge des „Geniestreichs“ des „Helptainments“ werden TV-Shows prosperierend als Beratung deklariert, steigen Einschaltquoten bei verschwindend geringen Kosten und kontinuierlicher Preisgabe der ethischen und methodischen Übereinkünfte seriöser Beratungskultur. Denn sogenanntes Reality-TV hilft nicht, sondern erhält Hilfebedürftigkeit, und zeigt nicht – wie suggeriert – „die“ Wirklichkeit, sondern schafft und zeigt vielmehr nur Bilder, die durch Abbildungs- und Abhängigkeitsverhältnisse entstanden sind. Offensichtliche wie unbemerkte Folgen dieser Geschehnisse, deren Nebeneffekte und Implikationen vollziehen sich aber weitgehend unkommentiert.

Mittlerweile scheint selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht länger widerstehen zu können. Das ZDF beabsichtigt, den Etikettenschwindel der Privatsender zu adaptieren. Im Infoblatt „Familien-Coaching“ der beauftragten Mainzer Film- und Fernsehproduktion „Montageplus“ vom November 2009 heißt es, man plane „kein Krawall-Format. Hier geht es nicht darum, genervte Familienmitglieder aufeinander zu hetzen. … Das Format zielt nicht auf „Randgruppenfamilien“, sondern auf alle Altersgruppen – von verwöhnten Kleinkindern über lernunwillige Schulkinder bis zu pubertierenden Jugendlichen. … Jeder in der Familie soll seinen Part der Verantwortung übernehmen, Respekt vor den anderen leben - und sich aufgehoben fühlen. … [Und] die beiden Coachs, die Familientherapeutin und der Erlebnispädagoge, müssen die Familien sensibel aber bestimmt führen können. … Ganz entscheidend ist natürlich die fachliche Autorität der Coachs.“

Seriöse Beratung scheint gut beraten, sich dieses vielschichtige Geschehen genauer anzusehen und fundierte Diskussionsgrundlagen zu entwickeln. Anhand einer referierten Analyse früher Sendebeispiele wie „Einsatz in 4 Wänden“, „Super Nanny“, „Raus aus den Schulden“ und „Teenager außer Kontrolle“ sowie einer „aktualgenetischen“ Textanalyse eines originalen Castingaufrufes sollen in diesem Workshop Intentionen, Strategien und Wirkweisen der Tele-Beratung ermittelt werden.

Gabriele Klaes-Rauch, Dipl.-Psych., Jg. 1960, arbeitet seit 1987 als freie Fachjournalistin in den Bereichen Kunst, Kulturpsychologie und Sozialpolitik für Zeitschriften, Radio und Fernsehen und seit 1993 hauptberuflich als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Köln.


Workshop 2

Dr. Peter Tossmann
Was leistet Online-Beratung?

Das Internet ist in den letzten Jahren zunehmend zu einem Alltagsmedium geworden, das immer häufiger auch im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung genutzt wird.

Im Rahmen des Vortrags soll vorgestellt werden, wie das Internet in unterschiedlichen Feldern der Beratung genutzt wird und welche Effekte hierbei erzielt werden können. Neben einem Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand zu dieser Frage, soll im Detail auf einige exemplarische Interventionsprogramme eingegangen werden.

Dr. Peter Tossmann hat in Berlin einige Online Beratungsforen installiert und inzwischen einiges an Erfahrung sammeln können, Geschäftsführer der delphi-Gesellschaft für Forschung, Beratung und Projektentwicklung mbH, Berlin


Workshop 3

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hans-Jürgen Seel
Wie kommen Beratung und Wissenschaft zusammen?
Perspektiven für eine sinnvolle Kooperation von Beratung und Wissenschaft

Das Verhältnis praktischer Beratung zur Wissenschaft kann durchaus verbessert werden.

Dies sollte Grund genug sein, die Frage nach dem Zusammenhang von Beratung und Wissenschaft einmal grundsätzlich zu stellen, Hypothesen darüber zu entwickeln, was die Gründe dafür sind und wie die Zusammenarbeit verbessert werden kann.

Aus der Begegnung von praktischer Beratung mit Wissenschaftstheorie einerseits und anderen Formen des Umgangs mit Wissen wie z. B. Wissensmanagement, Wissensdistribution etc. lassen sich sehr interessante Beispiele und Perspektiven entwickeln, die in Thesen zur Diskussion gestellt werden."

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hans-Jürgen Seel, Georg-Simon-Ohm Hochschule, Lehrgebiet Soziale Arbeit, Beauftragter für Wissens- und Technologietransfer, Wissenschaftlicher Leiter des Weiterbildungsstudiengangs "Counselor" mit dem Abschluss als Master, Nürnberg


Workshop 4

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner
Was braucht die postmoderne Gesellschaft an psychosozialer Beratung?

Insbesondere in der postmodernen Welt bedürfen scheiternde Menschen passgerechter Konzepte bei den Bewältigungsversuchen in den umgebenden Verhältnissen (Keupp, 1997).

Die ambulante Kassenpsychotherapie hat seit der Einrichtung des Psychotherapiegesetzes und der Verortung von Psychotherapie als Heilberuf den Anschluss an diese Klientel weitgehend verloren.

Soll Beratung eine angemessene professionelle Antwort auf die aktuellen Lebensverhältnisse bereit stellen, muss sie effektiv zu einer Verbesserung der psychosozialen Passung in verschiedenen Dimensionen des menschlichen Lebens und der jeweils vorhandenen sozialen Chancenstruktur beitragen (Cicchetti, 1999; Pauls, 2004).

Psychosoziale Beratung umfasst in diesem Sinne die Gestaltung von individueller wie sozialer Realität (Großmaß, 2006) und findet als professionelle psychosoziale Diagnostik und Intervention in unterschiedlichen theoretischen Bezügen, methodischen Konzepten, Settings und Institutionen – jedoch i. d. R. in Anknüpfung an das unmittelbare Lebensumfeld der KlientInnen – statt.

Integrative Beratung versucht, entlang dieser vielschichtigen Problemlagen erprobte Ansätze der Beratungsarbeit auf der Basis einer tragfähigen Beratungsbeziehung zusammenzuführen, um ein möglichst breites methodisches Spektrum anzubieten.

Das Vorgehen integrativ orientierter Diagnostik und Beratung – der Beratungsprozess - soll im Workshop entlang der theoretischen Grundpositionen sowie konkreten Fallbeispielen vorgestellt und mit den TeilnehmerInnen diskutiert werden.

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner, Alice-Salomon-Hochschule, Professur für Klinische Psychologie und Sozialarbeit, Arbeitsbereich: Psychotherapie und Beratung, Berlin


Workshop 5

Prof. Dr. Heidi Möller, Jörg Fellermann
Kommunalpolitiker/innen beraten: Reflexion mit besonders Engagierten.

Die spezifische Situation ehrenamtlich tätiger Politikerinnen und Politiker in der Lokalpolitik ist in jüngerer Zeit zunehmend Gegenstand öffentlichen Interesses. Die Studie „Beruf Bürgermeister/in. Eine Bestandsaufnahme für Deutschland“, die die Bertelsmann-Stiftung, der Deutsche Städtetag und der Deutsche Städte- und Gemeindebund 2008 herausgegeben haben, ist dafür ebenso ein Signal wie etwa die Kampagne „Frauen.Macht.Kommune.“, die in Verantwortung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Mitte 2009 ihren erfolgreichen Abschluss fand.

Menschen in der Kommunalpolitik engagieren sich ehrenamtlich, sie stehen im Mittelpunkt eines Kräftefeldes mit unterschiedlichsten Rollenanforderungen. Diese Menschen zu stützen, zu begleiten, widerstandsfähig und beziehungsfähig zu machen und zu halten, ist von erheblicher Relevanz.

Der Workshop geht folgenden Fragen nach:

  • Durch welche besonderen Merkmale sind Rollen gekennzeichnet, die für die Übernahme kommunalpolitischer Aufgaben geschaffen worden sind?
  • Welchen – reizvollen und belastenden – Anforderungen sehen sich Kommunalpolitiker/innen derzeit besonders gegenüber?
  • Welche Voraussetzungen, Chancen und Risiken sind mit dem Angebot einer Beratung verbunden, die sich als reflexive Strategie- und Rollenberatung zugleich verstehen will?

Der Workshop richtet sich an Berater/innen, die im Bereich der Kommunalpolitik tätig sind, dort tätig sein wollen oder das Tätigkeitsfeld zunächst kennen lernen wollen und dazu kommunalpolitisches Engagement als ein Kernstück lebendiger Demokratie verstehen.

Der Workshop bietet Informationen und Reflexionen zu den o.g. Fragen, stellt Fallvignetten vor und bietet Gelegenheit zur thematischen Vertiefung.

Prof. Dr. Heidi Möller, Lehrstuhl für Theorie und Methodik der Beratung Universität Kassel

Jörg Fellermann, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv)


Workshop 6

Klaus Dumeier, Ursula Laag, Prof. Dr. Renate Zwicker-Pelzer
Beratung in der Pflege - Auftrag und Wirklichkeit

Das Älter-werden und der Umgang mit gesundheitlichen Einschränkungen im Alltag sind wesentliche Marker für Veränderungen in den Arbeitsfeldern der Pflege. Darin gewinnt Beratung mehr und mehr an Bedeutung. Mit § 7 a des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes besteht seit Juli 2008 ein Rechtsanspruch auf Beratung. Auch die ambulanten Dienste nehmen zunehmend Beratung in ihr Portfolio auf.

Gleichzeitig stellen die professionellen Kompetenzen für diese neuen Beratungstätigkeiten eine Entwicklungsherausforderung dar.

Im Workshop sollen die Rahmenbedingungen und Rechtsgrundlagen für Beratung dargelegt und analysiert werden. Wie können Information, Prävention und Problemlösung im neuen Beratungsverständnis der Pflege als Schwerpunkte zusammenkommen?

Welche Kompetenzen gilt es zu entwickeln und welche Maßnahmen und Maßgaben sind auf dem Hintergrund der Essentials der DGfB notwendig?

Dies und mehr wollen wir mit Experten im Workshop diskutieren.

Klaus Dumeier, Gesetzliche Krankenversicherung (GKV), Berlin

Ursula Laag, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP), Köln

Prof. Dr. Renate Zwicker-Pelzer, Katholische Hochschule Köln


Workshop 7

Thomas Becker
Wie ticken die Menschen heute?
Lebensweltanalysen als Kontexterweiterung für Beratung.

Lebenslagen und Alltagsrealitäten haben sich in der Gesellschaft weit ausdifferenziert. Lebensstile und Lebensauffassungen grenzen sich deutlicher voneinander ab und folgen sehr unterschiedlichen Wertorientierungen.

Die sozialwissenschaftliche Forschung des Heidelberger Instituts Sinus Sociovision hat zehn Milieus ausgemacht, um diese Unterschiede zu erfassen und als Lebenswelten zu beschreiben.

Thomas Becker, fundierter Kenner der Sinus-Milieu-Forschung, wird einen anschaulichen Einblick geben in die Alltags- und Lebenswelten der Menschen. Entlang der Studien, die auch besondere Zielgruppen (Eltern, Jugendliche, Migranten) in den Blick nehmen, werden Merkmale hervorgehoben, die zu einer Kontexterweiterung für Beratung beitragen, auch mit Blick auf die Gemengelage zwischen freisetzender Marktorientierung und integrativer Sozialstaatlichkeit.

Thomas Becker, Vorstand Kreiscaritasverband Soest

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